Training
Die Sache mit der Gerechtigkeit
Es ist ein komischer Trend, welcher uns nun schon seit weit über einem Jahrzehnt begleitet - der seltsame Blick auf die „Gerechtigkeit“ und dessen Auswirkungen auf die sozialen Interaktionen.
Es hat sich eine unsichtbare Geisteshaltung unter vielen Menschen manifestiert, welche der festen Überzeugung ist, daß es nur eine Sicht auf „Gerechtigkeit“ gibt: nämlich die Ihre!
Gerecht ist es nach dieser Interpretation, daß Kinder, welchen in einem Wettbewerb antreten, alle den gleichen Preis erhalten sollen. So fühlt sich auch das langsame Kind beachtet und alle Kinder haben, unabhängig von ihrer Leistung, eine Aufmerksamkeit erhalten.
Wie beim Thema „Trainieren statt Dominieren“ zählt hierbei nicht das persönliche Empfinden und die Individualität der Kinder, sondern ausschließlich der eigene Gedankengang und die Eigenempfindung zum Thema Gerechtigkeit - wie bei TsD ist es nicht der Hund, welcher als Individuum mit seinen eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen in den Mittelpunkt gestellt wird, sondern die persönliche egoistische und in der Regel unreflektierte Idee von Gerechtigkeit wird über das Individuum, sei es Kind oder Hund gestellt.
„Ich möchte die beste Freundin meines Kindes sein“ und „Ich will der beste Freund meines Hundes sein“, sind die Aussagen, welche in diesem beschriebenen sozialen Kontext am Häufigsten fallen.
Möchte ein Kind die beste Freundin der Mutter sein?
Möchte der Hund der beste Freund seines Besitzers sein?
Andersherum gefragt: Kann ein Kind überhaupt aus seiner Sicht heraus die beste Freundin oder der beste Freund der Mutter sein?
Was ist denn Freundschaft überhaupt?
Im Duden ist darunter nachzulesen: Freundschaft - auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander.
Die Betonung liegt eindeutig auf „Menschen“ - nicht Hunde und wenn wir an „Freundschaft“ denken, dann sehen wir Bilder von Freundschaften aus Kindertagen, in welchen die frühesten Freundschaften den Kindergartenzeiten entspringen, später den Schulzeiten oder jenen, welche sich auf ein gemeinsames Hobby gründen, sei es im Sport oder der Musik, im Ausbildungsbereich oder der im Studium geschlossenen Freundschaften.
Stets ist jedoch ein gemeinsames Niveau die Voraussetzung für eine gelungene Freundschaft.
Von „ungleichen“ Freundschaften spricht man, wenn zwei Individuen sich in einem sich gegenseitig ausschließenden Umfeld finden, besonders bekannt, wenn sich unter Tieren ein Freßfeind mit dem Beutetier befreundet, was dem natürlichen Verhaltens widerspricht.
Die Idee einer Freundschaft wiederum besteht grundsätzlich aus einer Beziehung, welche auf gegenseitiger Zuneigung, Vertrauen Respekt und Unterstützung basiert.
Wenn wir also wünschen, der beste Freund unseres Kindes zu sein, setzt dies voraus, dass unser Kind bereits einen verantwortungsvollen, respektvollen und hilfsbereiten Charakter zeigt? Zeigen kann?????
Aber was IST dann die Aufgabe von Erziehung?
Ist es nicht genau so, daß wir unser Kind zu einem verantwortungsvollen, respektvollen und hilfsbereiten Menschen ERZIEHEN wollen?
Wie kann es also sein, daß wir auf der einen Seite unser Kind als Freund/Freundin betrachten mit genau diesen Eigenschaften, welche Freundschaft definiert und gleichzeitig unser Kind überhaupt erst einmal erziehen müssen, damit es diese Eigenschaften überhaupt entwickeln kann?
Wie lässt sich also das erklärte Ziel, sein Kind zu einem verantwortungsvollen, respektvollen und hilfsbereiten Menschen zu erziehen vereinbaren mit der geistigen Haltung Erziehungsberechtigter von gegenseitiger Freundschaft, wenn ein Kind weder gelernt hat, was respektvoller Umgang bedeutet, noch Verantwortung übernehmen kann, weil er/sie es altersbedingt auch noch gar nicht kann?
Für Kinder endet diese Haltung von Erziehungsberechtigten in aller Regel in Überforderung mit allen ihren psychischen Konsequenzen und für die betroffenen Elternteile später in starkem Frust, wenn die eigenen Vorstellungen dieser Freundschaft vom Kind nicht mehr erfüllt werden (können).
Das ist der Fall und besonders dramatisch, wenn sich beispielsweise Mütter mit ihrer Tochter zu Freundinnen verbündet haben, aber die Tochter, bald erwachsen werdend, den ersten Freund hat und die Mutter auf einmal nicht mehr die Hauptrolle spielt. Betroffene Mütter fallen in regelrechte „Löcher“, weil ihr Leben auf die Freundschaft mit dem Kind basiert. Diese bricht plötzlich weg und da keine alternativen und gleichberechtigte Freundschaften gepflegt wurden, kann der Verlust nicht kompensiert werden.
Freundschaft besteht auf Augenhöhe - und das sind Kinder nicht!
Es ist also zutiefst ungerecht und egoistisch, in diesem Sinne mit seinem Kind eine Freundschaft pflegen zu wollen.
Aber Ungerechtigkeit findet in diesem Kontext auch in einem anderen Bereich statt. Beispielhaft sei hier der „Wettbewerb“ aufgeführt, in welchem das schlechteste Kind die gleiche „Belohnung“ erhält, wie das beste Kind. Weil „man“ gerecht sein möchte und unreflektiert diese Haltung einer Gesamtgesellschaft aufoktroyieren möchte.
Was bedeutet diese Haltung jedoch aus Kindersicht? Kinder wollen und müssen sich entwickeln, wollen sie zu verantwortungsvollen, respektvollen und hilfsbereiten Menschen heranwachsen.
Wenn ein Kind sich in einem Wettbewerb anstrengt und am Ende des Tages das Kind, welches sich im Wettbewerb weder angestrengt noch engagiert hat, die gleiche „Belohnung“ erhält, lernen die Kinder, daß es vollkommen egal ist, ob man sich anstrengt oder nicht - es gibt für Jeden die gleiche Belohnung. Gelernt haben solche Kinder: Anstrengung lohnt sich nicht….
Wenn aber Anstrengung sich nicht lohnt - dann ist die große Frage, woher ein Kind überhaupt Motivation - ein wichtiger, lebenslanger Antrieb, überhaupt nehmen soll??????
In den Augen der (erwachsenen) „Gleichmacher“ sind die Kinder „gerecht“ behandelt worden, weil ALLE Kinder die gleiche Belohnung erhalten haben. Für die Kinder hingegen hat diese Haltung zu starkem Frust bei den besten Kindern geführt, weil ihre Leistung in keiner Form anerkannt wurde und eine zukünftige Motivation hinfällig ist und das schlechteste Kind hat gelernt, daß man sich gar nicht erst anstrengen muss, da man ja sowie so die gleiche Belohnung erhält.
Interessanterweise gibt es dazu auch die Parallelen im Bereich der Hundehaltung. „Der Hund ist des Menschen bester Freund“ und so soll auch der Mensch der beste Freund den Hundes werden.
Vom Klientel der „Gleichmacher-Menschen“ wurde dabei ein Erziehungsstil entwickelt, welcher sich als „Trainieren statt Dominieren“ manifestiert hat und mittlerweile in unglaublich vielen Hundeschulen als Trainingform beworben und mitgetragen wird und vehement bei jeglicher sachlicher Kritik verteidigt bzw. Kritik ganz grundsätzlich negiert wird. Was an sich die Sache schon schwierig im Umgang macht, denn wo Kritik nicht erlaubt ist, ist dem Dogma Tür und Tor geöffnet.
Auch ein Hund kann kein Freund eines Menschen werden, wenn er nicht lernen durfte, was er für seine eigene, persönliche Wesenentwicklung benötigt: Sicherheit von seinem Besitzer, welche nur durch Führung zu erreichen ist - und bereits das Wort „Führung“ wird bei im Sinne von einem „freundschaftlichen“ Umgang mit seinem Hund in der TsD-orientierten Ausbildung abgelehnt, da mit dem Hund „auf Augenhöhe und freundschaftlich“ gearbeitet werden soll.
Hunde sind jedoch Rudeltiere und brauchen deshalb zuallererst eine Struktur, in welcher sie sich einordnen können - aus welcher heraus sie sich dann entwickeln können. Führung entsteht jedoch IMMER aus einer autoritären Haltung heraus, was einfach nur bedeutet, daß auf der einen Seite jemand ist, der sagt was getan werden muss und auf der anderen Seite jemand ist, der das umsetzt.
Ich sage dem Hund, daß er sich hinsetzen soll und der Hund setzt sich hin - und schon bin ich der Führer und habe mir das Vertrauen meines Hundes erworben: WENN!!!!! mein Hund sich auch tatsächlich auf meine Ansage hin hinsetzt.
Tut er dies auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht, dann hat unser Hund gelernt, daß es ziemlich egal ist, was Zweibeiner fordern - man muss es eh nicht machen. Wobei clevere Hunde schnell heraus haben, daß wenn sie LUST haben zu folgen, sie eine Belohnung abstauben können. Es sind allerdings sie, die entscheiden, wann sie Lust haben zu folgen und nicht die Zweibeiner.
Wie bei Kindern führt auch bei Hunden eine Erziehung, basierend auf „gleichmachen“ zu fatalen Folgen: sie können aufgrund mangelnder Führung sich nicht zu sicheren und selbstbewussten Hunden entwickeln, Probleme im häuslichen Umfeld sind vorprogrammiert und die Hunde leiden unter Überforderung.
Es ist kein Wunder, wenn man im Gegensatz zu früher von immer mehr sich ausbreitenden Verhaltensauffälligkeiten von Hunden liest und die Besitzer von Pontius zu Pilatus laufen und keiner ihnen mehr bei den Problemen mit ihrem Hund helfen kann.
Kinder kann man therapieren, weil sie unsere Sprache sprechen und Erziehungsfehler lassen sich deshalb später immer noch in einem gewissen Rahmen korrigieren.
Hunden fehlt dieses Mittel, denn sie sind Menschen mangels gleicher Sprache vollkommen ausgesetzt und eine Therapie ist deshalb ungleich schwieriger und aufwändiger.
Ich selbst habe bereits seit meiner Kindheit mit verhaltensauffälligen Tieren zu tun und konnte schon früh feststellen, daß ich ein ganz besonderes Faible für diese „Gattung“ habe.
So zogen in meiner Jugend hintereinander drei verhaltensauffällige Ponys in mein Leben, es folgte ein schwieriger Tierheimhund und im Verlauf meines weiteren Lebens kamen auch Katzen und weitere Hunde dazu. Jedes einzelne Tier hatte ein eigenes Problem und eine eigene Persönlichkeit mit zum Teil sehr speziellen Erfahrungen und jedes Tier hat mir selbst etwas beigebracht und ich durfte von ihm lernen. Dies Erfahrungen möchte ich um nichts in der Welt missen und besonders meinem Isländer „Leiftri“ bin ich zu höchstem Dank verpflichtet, war er doch einer meiner wichtigsten Lehrmeister.
Tier können so wundervolle Gefährten sein, wenn man ihr Wesen und ihre Seele anerkennt und sie respektiert - sie werden es leider nicht, wenn man ihnen in absolut egoistischer Manier rücksichtslos ausschließlich seine eigenen menschlichen Vorstellungen von Haltung und Erziehung aufoktoyiert und ihre Persönlichkeit dadurch vollkommen negiert.
Zu den schönsten Erfahrungen gehört es für mich deshalb auch, wenn ich anderen Menschen bei Problemen mit verhaltensauffälligen Hunden helfen konnte - und kann. Es ist ein langer Weg, da es nicht möglich ist, manifestiertes Verhalten von heute auf morgen zu verändern, aber es ist etwas sehr Befriedigendes, wenn die Augen eines Hundes wieder leuchten und nicht nur Stress sich darin spiegelt und auf der anderen Seite Besitzer zu sehen, welche durch das Training wieder uneingeschränkte Freude an ihrem Hund haben.
